Oldenburgs umstrittenes Erbe: Wie eine NS-Propagandistin die Stadt bis heute spaltet

Philipp Hartmann
Philipp Hartmann
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Ein gerahmtes altes deutsches Propagandaplakat für die 3. Reichsbanleihe, das eine Stadtansicht mit Gebäuden, Menschen und Text zeigt.Philipp Hartmann

Oldenburgs umstrittenes Erbe: Wie eine NS-Propagandistin die Stadt bis heute spaltet

Neue Ausstellung in Oldenburg entfacht Debatte über das Erbe der NS-Propagandistin Edith Ruß

Seit dem 28. Januar 2026 zeigt das Haus für Medienkunst in Oldenburg eine Ausstellung, die das Vermächtnis der ehemaligen NS-Propagandistin Edith Ruß neu bewertet. Unter dem Titel "Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus" hinterfragt die Schau frühere Darstellungen, die ihre Rolle in der NSDAP verharmlost haben, und wirft einen kritischen Blick auf ihr Leben und ihren Einfluss – eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Schuld und lokaler Verantwortung.

Die Ausstellung dokumentiert Ruß' Karriere als Feuilleton-Chefin der Oldenburgischen Staatszeitung bis 1945, wo sie über eine ideologische Einstufung der Kategorie A verfügte. Gezeigt werden originale Artikel, Presseausweise sowie Belege für ihre falsche eidesstattliche Versicherung zugunsten ihres Vorgesetzten Herbert Heitz während der Entnazifizierung. Der Historiker Joachim Tautz bezeichnet sie als "überzeugte Nationalsozialistin" und widerspricht der These, ihr späteres Wirken als Sonderpädagogin belege einen Bruch mit ihrer Vergangenheit.

Ungeklärt bleibt, wie Ruß zu ihrem Vermögen kam; Jahre später wurde zudem ihre Steuerhinterziehung aufgedeckt. Die Schau stellt ihr Leben zwei Zeitgenossinnen gegenüber: der Widerstandskämpferin Traute Lafrenz und dem jüdischen NS-Opfer Erna Gellert. Dieser Vergleich macht deutlich, dass Widerstand gegen den Nationalsozialismus möglich war.

Das Haus für Medienkunst distanziert sich mittlerweile von Ruß und bezeichnet die Ausstellung als "Abschluss" der Aufarbeitung ihres Erbes. Kritiker monieren jedoch, dass die Verbindungen zwischen dem Isensee Verlag – der Druckerei der NS-Zeitung – und der früheren Würdigung Ruß' im Haus ausgeblendet bleiben. Lokale Politiker von CDU und FDP argumentieren nach wie vor, ihre spätere Tätigkeit als Lehrerin stehe für eine "Läuterung" – eine Position, die Historiker zurückweisen.

Die Ausstellung erscheint zu einer Zeit zunehmender rechtsextremer Tendenzen und ist Teil einer breiteren Initiative, sich mit den Nachwirkungen des Nationalsozialismus in Oldenburg auseinanderzusetzen.

Die Umbenennung des Edith-Russ-Hauses im Februar 2025 markierte einen ersten Schritt der Neubewertung ihrer Rolle. Nun liefert die Schau eine schärfere Kritik an ihrer aktiven NS-Verstrickung. Während die Debatten anhalten, zwingt die Ausstellung Oldenburg, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen – und mit den Entscheidungen, die Einzelne während der NS-Diktatur trafen.

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